Kreuze begleiten mich seit Jahren – am Feldrain, auf Gipfeln, am Waldrand. Ich fotografiere sie und ich frage: Wie wurde ein Folterwerkzeug zum Hoffnungseichen?

Blick durchs Objektiv


In meinem Archiv finden sich unzählige Fotos von Kreuzen. Zuerst war es ein Feldkreuz im Herbst, eingerahmt von zwei Ahornbäumen. Auf der Metalloberflächen hatte sich Rauhreif niedergeschlagen. Die Eiskristalle glitzerten im Gegenlicht. Mit leichtem Nebel im Hintergrund hatte dies einen besonderen Reiz. Seitdem fotografiere ich Feldkreuze. In unserer Region stehen viele. Später kamen bei Bergtouren die Gipfelkreuze dazu.

Ist man zu Fuss oder mit dem Rad im Zeiler Wald unterwegs, trifft man immer wieder auf ein Kreuz. Oft sind es Kreuze auf aufgelösten Hofstellen. Die Gebäude wurden abgerissen, das Kreuz blieb stehen. Eingewachsen zwischen Bäumen. Vergessene Zeugen früheren Lebens. Die Natur holt sich das einstmals kultivierte Land zurück.

Am Rand der Landstraße nach Seibranz, in der Nähe des Marienhofes stand diese große Metallkreuz. Bei Baumfällarbeiten stürzte es um, später entfernten es die Arbeiter von Schloss Zeil.

Formen und Handwerk


Irgendwann habe ich die Kreuze rund um meinen Wohnort fotografiert und meine Blick auf die Kreuze hatte sich geschärft. Es gibt Serienware aus Metall, oft ist die Christusfigur gegossen. Andere wiederum sind aus Holz geschnitzt oder in Stein gemeißelt. Handwerkliche Kunstobjekte. Bei manchen ist die Figur fein ausgearbeitet, andere haben reduzierte, fast abstrakte Formen. Aber alle haben das Thema eingefangen.

Ein kleines Metallkreuz an der Kapelle bei der der Kreuzleshöhe

Einige besonders individuelle Formen habe ich auf der Adelegg und im Kreuzthal fotografiert. Am Wegesrand auf den Gohresberg oder die Holzfigur auf der Kreuzleshöhe. Eine ganz einfache Darstellung findet sich an der Kapelle bei der Kreuzleshöhe. Klein, fast unscheinbar. Die Darstellung ist auf das nötigste reduziert und beeindruckt gerade deshalb. Die einfache Schlichtheit dieser Arbeiten lassen auf jemanden schließen, der dies aus innerem Antrieb gefertigt hat, ohne bildhauerische Ausbildung.

Kreuze der Adelegg – Am Wegesrand zum Gohresberg und auf der Kreuzleshöhe. Die erste Aufnahme auf der Kreuzleshöhe ist aus dem Jahr 2000, beim zweiten Bild aus 2019 wurde die Christusfigur ersetzt.

Geschichte und Symbolik


Die Fotos sind das eine. Mich hat die Geschichte des Kreuzes interessiert.
In Predigten wird immer wieder auf dieses Thema eingegangen.
Aber erschließt sich uns die Grausamkeit dieses Todes wirklich?
Wie kam es zur Verwendung als Symbol für das Christentum?

Das Kreuz war zunächst ein Werkzeug grausamster römischer Justiz — und wurde durch den Tod und die Auferstehung Jesu zum zentralen Hoffnungszeichen des Christentums. Vermutlich im 4. Jahrhundert, unter Konstantin, entwickelte es sich zum dominanten Symbol der Kirche, das bis heute Glaube, Kultur und öffentliches Leben prägt. Nach den Verfolgungen zeigte die Kirche das Kreuz öffentlich.

Symbolische Bedeutung

Heute ist das Kreuz für die Christenheit das wichtigste Symbol, das auf die Erlösung der Menschheit von Leid und Tod durch Jesus Christus verweist. Es symbolisiert dessen Opfertod. Theologen sehen die Kreuzigung Jesu als einen Eingriff Gottes, der dazu dienen soll, den seit dem Sündenfall zerrissenen Bund zwischen Gott und den Menschen wiederherzustellen. Gläubige Christen verstehen das Symbol auch als Siegeszeichen: Mit der Kreuzigung und der anschließenden Auferstehung wurde der Tod endgültig überwunden.

Kreuze bei der Wahlfahrtskapelle Gschnait, zwischen Kimratshofen und Altusried gelegen. Etwa 2000 Grabkreuze haben Menschen von ihren verstorbenen Angehörigen rund um die Kapelle im Wald platziert. Es kommen immer neue dazu. 

Das Kreuz im kirchlichen und öffentlichen Raum

In Kirchen ist das Kreuz über oder auf dem Altar angebracht. Auch die Spitzen vieler Kirchtürme tragen ein Kreuz. Zahlreiche Kirchen haben einen kreuzförmigen Grundriss. Bei Prozessionen und Wallfahrten wird ein Vortragekreuz vorangetragen. Manche Kreuze zeigen den Gekreuzigten (Kruzifixe) — sie sollen die Qual des gefolterten Jesus vor Augen führen. Andere Kreuze sind „leer“: Sie symbolisieren mit dem Querbalken die Trennung von Gott und Mensch, hervorgerufen durch die Rebellion des Menschen gegen Gott.

Die Gemeinde Schloss Zeil folgt während der Sebastiansprozession dem Vortragekreuz auf dem Weg zur Kapelle Sabastiansaul. (2003) 

Verschiedene Kreuzformen

Das Lateinische Kreuz ist das bekannteste christliche Kreuz in der westlichen Welt: ein langer Stamm mit kurzem Querbalken. Es bezieht sich auf die Kreuzigungsszene im Neuen Testament. 


Kreuzformen und ihre Bedeutung

  • Das Lateinische Kreuz — langer Längs-, kürzerer Querbalken — ist das verbreitetste christliche Symbol des Westens, unmittelbarer Verweis auf die Kreuzigung Jesu.
  • Das Griechische Kreuz mit vier gleich langen Balken prägt Kunst und Kirchengrundrisse der Ostkirche.
  • Das Andreaskreuz in X-Form trägt den Namen des Apostels und wurde in frühchristlicher Zeit für den Namen Christi verwendet.
  • Das Petruskreuz ist dessen Umkehrung, ein auf dem Kopf stehendes Kreuz. Petrus soll kopfüber gekreuzigt worden sein — unwürdig, wie Christus zu sterben.
  • Das Tau-Kreuz in Form eines „T“, benannt nach dem letzten hebräischen Buchstaben, war das Lieblingszeichen des Franziskus von Assisi.
  • Das Byzantinische Kreuz – Das Patriarchenkreuz trägt einen zweiten Querbalken für die Inschrifttafel INRI — Zeichen der orthodoxen Kirchen.
  • Das Orthodoxe Kreuz trägt drei Querbalken, wobei der Unterste schräg angebracht ist.
  • Das Jerusalemkreuz, ein großes Kreuz mit vier kleinen in den Winkeln, stand als Wappen des Kreuzfahrerkönigreichs für den Glauben, der sich in alle Himmelsrichtungen verbreitet.

Die besondere Lichtstimmung hebt das Kreuz hervor.

Feldkreuz an einem Stadl in der Nähe der Waldkapelle bei Leutkirch.

Die Kreuzigung Jesu

Historischer Befund

Als historisch gesichert gilt, dass Jesus um das Jahr 30 n. Chr. unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem gekreuzigt wurde. Sowohl die Kreuzesstrafe als auch die Verurteilung durch Pilatus werden übereinstimmend von den ältesten christlichen und nichtchristlichen Quellen bezeugt. 

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus notiert in seinen Annales: Christus sei „unter Tiberius vom Präfekt Pontius Pilatus hingerichtet worden.“

Der Prozess

Nach dem Bericht der vier Evangelien wurde Jesus nach seiner Verhaftung dem jüdischen Hohen Rat (Sanhedrin) unter dem Hohenpriester Kajaphas vorgeführt und danach zu Pontius Pilatus gebracht, der ihn schließlich kreuzigen ließ.

Vor dem jüdischen Gericht wurde Jesus vor allem Gotteslästerung vorgeworfen. Bei Pilatus hingegen lautete die Anklage, er habe sich als König der Juden ausgegeben und damit die Herrschaft des Kaisers in Frage gestellt.

Der Ablauf der Hinrichtung

Der üblichen Praxis entsprechend wurde Jesus zuerst gegeißelt. Cicero nannte die Kreuzigung die „grausamste und abscheulichste Strafe“ — schlimmer noch als bei lebendigem Leib verbrannt oder enthauptet zu werden.

Das schwere Patibulum (Querbalken) wurde auf Jesu Schultern gelegt. Trotz seines Versuches, aufrecht zu gehen, war das Gewicht des Balkens zusammen mit dem Blutverlust zu viel. Der Zenturio bestimmte daher Simon von Kyrene, das Kreuz zu tragen.

Ein Knochenfund aus dem ersten Jahrhundert, ausgestellt im Israel-Museum, zeigt eine Möglichkeit der Nagelung. Bei der Kreuzigung wurde das Fersenbein seitwärts an den senkrechten Pfahl genagelt. Der Tod tritt durch Ersticken, Schock oder Herzversagen ein. Hingerichtete hingen oft tagelang an ihren ausgekugelten Schultergelenken.

Letzte Worte Jesu

Der Evangelist Lukas überliefert, Jesus habe noch am Kreuz um Vergebung für seine Henker gebetet (Lukas 23,34). Der Evangelist Johannes deutet Jesu Kreuzigung als „Erhöhung“ (Johannes 3,14). 

Das Kreuz als Hinrichtungsmethode in der Antike

Die Kreuzigung war eine vor allem im Alten Orient und in der römischen Antike verbreitete Hinrichtungsart, bei der ein Verurteilter an einen aufrechten Pfahl, mit oder ohne Querbalken, gefesselt oder genagelt wurde. Im Römischen Reich wurden vor allem Nichtrömer, Aufrührer und entlaufene Sklaven gekreuzigt — zum Beispiel tausende Anhänger des Spartacus sowie Jesus von Nazareth.

Die Kreuzigung diente der brutalen Abschreckung, um die Pax Romana (den römischen Frieden) zu sichern.

Konstantin und die Wende

Im Jahr 312 hatte Kaiser Konstantin der Große eine Vision vor der Schlacht bei der Milvischen Brücke, woraufhin er ein Feldzeichen mit dem Staurogramm anfertigen ließ, was ihm der Legende nach zum Sieg verholfen haben soll. Im Jahr 325 hatte der Tradition nach die Kaisermutter Helena das Kreuz Christi und seine Grabeshöhle aufgefunden.

Das Staurogramm ist ein Symbol für Jesus Christus.

Es ist entweder als Buchstabenverbund zu einem Kreuz angeordnet, gebildet aus der Übereinanderstellung der griechischen Buchstaben Τ (Tau) und Ρ (Rho) die als Mittelteil des gekürzten Nomen sacrum Stauros (neutestamentlich-griechisch für Kreuz) geläufig war.
Ob es sich bei dem von Lactantius geschilderten Zeichen tatsächlich um ein Staurogramm gehandelt hat, ist umstritten. Vielfach wird diese Beschreibung auch als ein Henkel-Kreuz gedeutet. Einige Althistoriker interpretieren sie auch als Christusmonogramm.

Ob es sich bei dem von Lactantius geschilderten Zeichen tatsächlich um ein Staurogramm gehandelt hat, ist umstritten. Vielfach wird diese Beschreibung auch als ein Henkel-Kreuz gedeutet. Einige Althistoriker interpretieren sie auch als Christusmonogramm.

Im 4. Jahrhundert n Chr. wurde die Kreuzigung, vermutlich unter Konstatin , im Römischen Reich verboten — da der Kreuzigung Jesu zentrale Bedeutung für die christliche Theologie zukommt, wurde diese Hinrichtungsart durch andere Methoden ersetzt.

Das Kreuz im Mittelalter und in der Moderne

Im Mittelalter wuchs die Bedeutung der Kreuzes-Symbolik durch die zahlreichen Kruzifixe, insbesondere durch die Triumphkreuze in Kirchen und Kathedralen, die unter Einfluss der antiken römischen Siegeskreuze entstanden waren.

Die Figur im Stiftshof auf Schloß Zeil und nahe des Detzelhofs. Zwei ausdrucksstarke Darstellungen handwerklicher Kunst. In Holz geschnitzt und in Stein gemeißelt.

Trotz aller Debatten um staatliche Neutralität in Glaubensfragen und religiöse Symbole im öffentlichen Raum sind Kreuze in Ländern mit christlicher Prägung noch immer allgegenwärtig. In Schulen und Behörden, vor allem im süddeutschen Raum, sind Kreuze aufgehängt.
Als Tattoo oder als Schmuckanhänger wird das Kreuz auch von jungen Menschen mit Selbstbewusstsein getragen.

Kein Kreuz gleicht dem anderen

Alle tragen dieselbe Botschaft. Mein Blick darauf hat sich geschärft und verändert. Fotografieren und Recherchieren bringen mich zum Nachdenken. Bei uns im Allgäu hat das Kreuz noch seinen Platz. Ich sehe immer wieder liebevoll restaurierte Feldkreuze und freue mich, das dieses Symbol nach wie vor geschätzt und geehrt wird.

Ein Symbolbild

Kreuz im Wald bei der Kartause Marienau nahe Seibranz. Das Kreuz ist gespalten. Der innere Kern ist verfault.

Ein Symbol für den Zustand von Kirche, Staat und Gesellschaft?
Es lohnt sich, darüber nachzudenken.