Tracht lebt – zwischen Ritual und Event

Wen ich durch mein Fotoarchiv blättere, stoße ich immer wieder auf sie: Menschen in Tracht. Nicht als Kostüm, sondern als selbstverständlicher Teil ihrer Festkultur – und manchmal noch ihres Alltags.

Lebendige Tracht


Im Allgäu ist es, neben Trachten- und Heimatvereinen, vor allem die Blasmusik, die die Tracht lebendig hält. Lederne Kniebundhosen, Weste, Janker, Hut – das ist der gemeinsame Nenner. Doch im Detail unterscheiden sich die Kapellen: in der Farbe von Weste und Janker, in der Form des Hutes, in der Haube der Frauen. Wer das Auge dafür hat, erkennt auf den ersten Blick, woher eine Kapelle stammt. Allein in Leutkirch zählen wir 15 Blaskapellen.

Im Alpenraum und in Süddeutschland ist Tracht kein Museum. Sie wird getragen, gepflegt, weitergegeben. Wie anderswo auch.

Im Süden Frankreichs


Bei einem Besuch in Grasse, der Parfümstadt an der Cote d’Azur, hatte ich die Gelegenheit, zwei ältere Menschen in landestypischer Tracht zu fotografieren. Sie gingen eine steile Gasse hinauf. Eine schöne Gegenlichtsituation. Es musste schnell gehen. Mit dem Bildausschnitt konnte ich störende Elemente ausblenden, wie sie in Touristenorten zwangsläufig auf den Straßen und Gassen zu finden sind. So hätte das Foto vor Hundert Jahren aussehen können. 

Die Kleidung verrät ihre Herkunft, ohne dass ein Wort fallen müsste. Die Stadt an der Côte d’Azur besitzt mit dem Musée Provençal du Costume et du Bijou eines der wenigen Museen Frankreichs, das ausschließlich der provenzalischen Tracht gewidmet ist. Röcke, Korsetts, Spitzen und Droulets – eine Art Trachtenjacke – aus dem 18. bis 19. Jahrhundert erzählen vom Leben der Frauen aller Stände. Das Ankleiden dauert bis heute über eine Stunde. Junge Frauen tragen die Tracht ihrer Vorfahren bei Volksfesten mit Stolz.

Tanzmusik mit besonderen Instrumenten

In der Bretagne tanzt eine Gruppe beim Fest-noz.  Männer tragen schwarze Jacken und weißen Hemden. Dazwischen Landwirte mit ihren regionaltypischer Béret. Die Frauen und Mädchen sind mit schlichten Hauben geschmückt.
Fest-noz bedeutet auf Bretonisch schlicht „Nachtfest“ – eine volkstümliche Tanzveranstaltung, die ihren Ursprung in den Abenden nach gemeinsamer Feldarbeit hat. Die Musik wechselt zwischen dem Wechselgesang Kan ha diskan und Instrumenten wie Bombarde und Binioù, dem bretonischen Dudelsack.
Die Bombarde ist ein Blasintrument mit doppeltem Rohrblatt aus der Familie der Kelgeloboen, das in der bretonischen Musik verwendet wird. Die Binioù ist eine bretonsiche Sackpfeife. Die Pfeife mit enger Mensur klingt durchdringend, ohne schrill zu wirken.


Seit 2012 steht das Fest Noz auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Rund tausend solcher Veranstaltungen finden jährlich statt.

Von der Bretagne nach Sardinien – vom Tanz zum Ritual

Auf Sardinien begleitete ich eine Pfingsprozession mit der Kamera. Das Besondere: eine Holzstatue von St. Bartholomeus, dem Schutzpatron des Ortes Magodamas, wurde auf einem Ochsenkarren mitgeführt. Eine Gruppe in Festtracht war Teil des Prozessionszuges – die Kleider Teil des Rituals, nicht Dekoration. 

Die Insel besitzt mehr als 400 verschiedene Trachten, fast jede Ortschaft hat ihre eigene. Farbenprächtige Stoffe, Stickereien, aus Seide,  Schmuck spanisch-maurischer Prägung. Die sardische Tracht ist das Festtagskleid, das sorgsam gehütet wird – auch wenn es schon Generationen alt ist. Die Folklore Sardiniens ist kein Touristenspektakel: Sie ist Ausdruck von Geschichte, Mythos und Identität.

Tradition und Kommerz


Zur Zeit des Oktoberfestes in München tragen die Besucher Tracht. Oft nur für diesen einen Anlass. Manche eine klassische Variante, aber es gibt auch viel »Pseudotracht« zu sehen. Zum Teil in schrillen Farben und nicht selten »Made in China«. So rutscht Modeware ins Trachtenregal. Wenn man aber genau hinschaut, sieht man den Unterschied zwischen Bühnenlook und traditioneller Tracht sehr deutlich.

„Ob in der Bretagne, auf Sardinien oder im Allgäu – Tracht bleibt lebendig, wenn Menschen sie tragen, nicht wenn Läden sie verkaufen.“